Zwischen-Räume

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen Nähe und wir wollen Berührung schenken und in den Arm genommen werden. Das ist eines unserer Grundbedürfnisse und wir sollten bewusst und achtsam damit umgehen und es nähren. Einige Wissenschaftler haben zum Beispiel während der Corona-Krise angesichts des damals verordneten „social distancing“ negative bio-psycho-soziale Folgen nachweisen können, andere wiesen auf die fehlende positive Wirkung von Berührung für die Immunkräfte des Menschen hin. Fehlende Nähe kann seelisch ängstlich und hilflos machen.  Jede Form des Getrennt-Seins zeigt auch das Fehlende. In meiner Begleitungsarbeit begegnen mir oft Menschen, die sich sehr einsam und alleine fühlen. Sie fragen: Wo gehöre ich eigentlich hin? Wo bin ich daheim? Mit aller Kraft sehnen sie sich nach Nähe und Orten des Ankommens und Daheimseins. Das braucht natürlich ein sorgsames Hinhören, Ergründen und die Suche nach Veränderungsmöglichkeiten.

Vielleicht hilft es manchmal auch ein wenig einen Blick in die Zwischen-Raum hinein zu werfen, den der Mangel und das Erspüren des Fehlenden ja auch immer mit sich bringt, und dort unter dem Schmerz nach verborgenen Schätzen zu suchen. Einige Gedanken sind mir dazu eingefallen:

ABSTAND ERMÖGLICHT IMMER AUCH EINEN RAUM, EIN DAZWISCHEN UND DAS IST AUCH EIN GUTER ORT….

EIN ORT FÜR DAS LÄCHELN: Erst im Abstand vom anderen kann ich ihm ein Lächeln schicken.

EIN ORT FÜR ACHTUNG UND RESPEKT:  Hier lasse ich die andere anders sein. Hier ist Heiliger Boden. Hier lebt auch die Ehrfurcht des Menschen vor dem unfassbaren Gott.

EIN ORT FÜR DAS ERKENNEN:  Der Abstand ist das Merkmal des Verstandes. Ohne ihn gibt es keine Wissenschaft. Und auch kein Staunen.

EIN ORT FÜR GUTE ENTSCHEIDUNGEN: Im Abstand wird deutlich, was die verschiedenen Seiten einer Wirklichkeit bedeuten. Im Zurücktreten und der objektiven Betrachtung von außen sehen wir die Dinge oft klarer, als wenn wir zu sehr mit ihnen verwoben sind oder ganz in ihnen aufgehen.

EIN ORT FÜR KREATIVITÄT: Abstand schenkt Spiel-Räume. Hier können neue Weisen von Nähe und Distanz ausprobiert und erfahren werden. Im Spiel erwachen die besten Ideen.

EIN ORT FÜR VERÄNDERUNG:  Hier ist Raum für die Distanzierung von allem was in unserer Welt falsch läuft. Dadurch entstehen kleine neue Wege und auch die ganz großen Reformen.

EIN ORT FÜR BEGEGNUNG: Ohne den Raum zwischen uns gibt es kein Ich und kein Du mehr. Der Zwischenraum, die Trennung ermöglicht erst, dass wir uns begegnen können. In der Wahrnehmung eines Gegenübers erfahren wir wer wir selber sind. (Hierzu kann man in den Schriften des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber wunderbar tiefsinniges lesen)

EIN ORT FÜR DIE PAUSE: Zwischen all unseren Aktivitäten braucht es Zeit zum Innehalten und zur Erholung. Manche Zwangspausen, die Körper und Seele sich holen sind uns Rettung. Auch zwischen Einatem und Ausatem gibt es den Raum der Ruhe – die Atem-Pause. Hier kommt alles an, findet alles heim. Hier geschieht Wandlung.

– Vielleicht hast Du/haben Sie noch ganz andere Einblicke in diesen geheimnisvoll schmerzhaft erfüllenden Zwischen-Raum…

 Sr. Mareile Hartl


Atemarbeit und christliche Kontemplation

„Da konnte ich aufatmen“.  „Da hat mich etwas in meiner Tiefe berührt“.  „Da wurde ich still, wie ein Kind im Arm seiner Mutter“. „Da habe ich mich ganz gefühlt“ … so oder so ähnlich beschreiben Menschen Erfahrungen mit der Atemarbeit.

Was unsere Seele berührt, wirkt sich auf unseren Leib aus, und was unseren Leib wohlwollend und achtsam berührt, wirkt sich auf unsere Seele aus. Kontemplative Arbeit mit dem Atem meint immer den ganzen Menschen.

Auch Jesus hat berührt. Mit seinen Händen, mit seinen Worten, bis ins Innerste und er tut es bis heute.

In der Atemarbeit begegnen wir dem Menschen wie er, zunächst einmal ganz körperlich. Die Anwesenheit der Hände der Behandlerin, die sich der Atemschwingung der Klientin zuwenden in einer lauschenden, absichtslosen und zugewandten Anwesenheit sagen: Da bin ich. Da bist du. Es ist gut. Es entwickelt sich ein Atemgespräch, Begegnung geschieht: Ich und die Hände, die nach mir fragen. Ich und mein Atem, der ich bin. Begegnung ist immer mehr, ruft ein Drittes hervor. Christlich kontemplative Atemtherapie gibt diesem Geschehen einen Namen:  Großes Du, Inwendiger Gott, Inneres Licht, tiefstes Wesen… und ist davon überzeugt, dass sich die Quelle des Heilsamen hier schenkt. Sie meint nie ein apersonales Geschehen, sondern findet in der Begegnung ein im tiefsten Sinne persönliches DU.

Entspannung, Leichtigkeit, Aufrichtung, Lebendigkeit sind körperliche Empfindungen, die sich am Ende einer Behandlung ein-stellen können und die Symbol sein können für ein umfassenderes Heil- und Geborgensein.

Der Atem des Menschen ist für die christliche Kontemplation und Meditation ein altvertrauter Freund und großer Lehrer. Er verbindet mit dem Schöpfer-Atem Gottes und hat teil am Pfingst-Geist der für neues Leben und Wandlung steht. Gott ist der Atem in allem Atem.

Auch im Üben in der Gruppe geht es darum, in wohlwollendem Wahrnehmen erst mal da sein zu lassen, was ist und ein Gespür zu bekommen für das, was wohl tut, was nährt, was dem eigenen Maß entspricht. Keine Gymnastik, kein besser, schneller. In diesem Raum, den wir uns erst zugestehen müssen, der für viele völlig neu ist, entsteht mehr und mehr unser Ureigenstes, wird unser Wesen lebendig. Und das ist der Weg der Kontemplation: die Schau des Wesenhaften in allen Dingen.           Unsere Zeit treibt uns an und wir sind auf allen Ebenen gefordert. „Durchnässt bis auf die Herzhaut“ sagt Hilde Domin. Kraftorte, die uns erinnern und Zeiten, in denen wir spüren dürfen, was dahinter und darunter ist, helfen den Alltag zu bewältigen und unserer Herkunft und Zukunft in allen Herausforderungen gewahr zu werden.

                                                                                                                                    Sr. Mareile Hartl