Atemarbeit und christliche Kontemplation

"Da konnte ich aufatmen".  "Da hat mich etwas in meiner Tiefe berührt".  "Da wurde ich still, wie ein Kind im Arm seiner Mutter". "Da habe ich mich ganz gefühlt" ... so oder so ähnlich beschreiben Menschen Erfahrungen mit der Atemarbeit.

Was unsere Seele berührt, wirkt sich auf unseren Leib aus, und was unseren Leib wohlwollend und achtsam berührt, wirkt sich auf unsere Seele aus. Kontemplative Arbeit mit dem Atem meint immer den ganzen Menschen.

Auch Jesus hat berührt. Mit seinen Händen, mit seinen Worten, bis ins Innerste und er tut es bis heute.

In der Atemarbeit begegnen wir dem Menschen wie er, zunächst einmal ganz körperlich. Die Anwesenheit der Hände der Behandlerin, die sich der Atemschwingung der Klientin zuwenden in einer lauschenden, absichtslosen und zugewandten Anwesenheit sagen: Da bin ich. Da bist du. Es ist gut. Es entwickelt sich ein Atemgespräch, Begegnung geschieht: Ich und die Hände, die nach mir fragen. Ich und mein Atem, der ich bin. Begegnung ist immer mehr, ruft ein Drittes hervor. Christlich kontemplative Atemtherapie gibt diesem Geschehen einen Namen:  Großes Du, Inwendiger Gott, Inneres Licht...und ist davon überzeugt, dass sich die Quelle des Heilsamen hier schenkt. Sie meint nie ein apersonales Geschehen, sondern findet in der Begegnung ein im tiefsten Sinne persönliches DU.

Entspannung, Leichtigkeit, Aufrichtung, Lebendigkeit sind körperliche Empfindungen, die sich am Ende einer Behandlung ein-stellen können und die Symbol sein können für ein umfassenderes Heil- und Geborgensein.

Der Atem des Menschen ist für die christliche Kontemplation und Meditation ein altvertrauter Freund und großer Lehrer. Er verbindet mit dem Schöpfer-Atem Gottes und hat teil am Pfingst-Geist der für neues Leben und Wandlung steht. Gott ist der Atem in allem Atem.

Auch im Üben in der Gruppe geht es darum, in wohlwollendem Wahrnehmen erst mal da sein zu lassen, was ist und ein Gespür zu bekommen für das, was wohl tut, was nährt, was dem eigenen Maß entspricht. Keine Gymnastik, kein besser, schneller. In diesem Raum, den wir uns erst zugestehen müssen, der für viele völlig neu ist, entsteht mehr und mehr unser Ureigenstes, wird unser Wesen lebendig. Und das ist der Weg der Kontemplation: die Schau des Wesenhaften in allen Dingen. Unsere Zeit treibt uns an und wir sind auf allen Ebenen gefordert. "Durchnässt bis auf die Herzhaut" sagt Hilde Domin. Kraftorte, die uns erinnern und Zeiten, in denen wir spüren dürfen, was dahinter und darunter ist, helfen den Alltag zu bewältigen und unserer Herkunft und Zukunft in allen Herausforderungen gewahr zu werden.

                       Text von Sr. Bärbel Thomä mit Ergänzungen von Sr. Mareile Hartl